Feiertage

Yvonne Livay

Zürich 1942. 04. Mai. Ein Mädchen kommt zur Welt. Das erste Kind! Die Eltern sind glücklich. Aber das Glück der Mutter wird von Schmerz und Furcht zerrissen: ihre eigene Mutter ist seit Jahren gefangen. Im Ghetto – von Deutschen -, in Polen. Gefangen sind auch alle Schwestern, Schwager, Nichten. Die junge Mutter erhält Briefe von ihnen, Grüße, Berichte, Bitten, auch von ihren Freundinnen aus dem Ghetto. Und wenn sie diese Briefe öffnet, in Zürich, sagen ihr die Zeilen ganz deutlich: Mutter und Schwestern, soweit sie noch nicht verschleppt sind, wissen – sie werden sterben müssen. Die Deutschen haben sie nur aus diesem einzigen Grund gefangen! Und weil die Gefangenen das wissen, hoffen sie auf Salunka in der Schweiz: Die Zeit rennt!  Tochter, Schwester, rette uns!

Sie muß sie retten! Salunka hält Yvonne im Arm und hofft, daß sie retten kann. Aber nach allem, was sie bereits unternommen hat, weiß sie: Es wird nicht gelingen. Sie schreibt, erst jetzt, an die Mutter: Du bist Großmutter geworden! Hier ist mein Baby-: Yvonnka.

Die Großmutter zerfließt vor Glück und Schmerz in Tränen. Sie hat noch Zeit, ihre Liebe und Sehnsucht in Worte zu fassen. Ein weiteres Enkelkind wird ihr geboren, im Ghetto, kurz danach holt man sie, sie wird ermordet. Auch die anderen werden ermordet, Frauen, Kinder. Und Salunka in Zürich hört nichts mehr. Nie mehr. Kein Brief, von niemandem. Und in diesen Jahren der Furcht Tag und Nacht wächst Yvonne auf.

Yvonne lebt heute in Jerusalem, Israel, und wurde gestern achtzig Jahre alt. Ihre Kinder und Enkel, ihr Mann sind bei ihr. Der Staat Israel, der einzige Ort des Schutzes für Juden auf dieser Welt, existiert heute seit 74 Jahren. Zwei Feiertage, dicht aufeinander, beide mit großem Schmerz verbunden – und mit der Freude: Das Leben siegt!
Wir gratulieren unserer Autorin Yvonne Livay!

Sie verfaßte die rainStein-Bände „Rostige Zeiten“, Herbstbrand“ und zuletzt „Die Frau mit der Lotosblume“. Yvonne Livay wird schon bald, im August 2022, in Berlin mit einer Ausstellung ihrer Werke und mit einer Lesunng zu sehen unnd zu hören sein.