80 Jahre. Der Jahrestag

09.11.2021, Wannsee

Man sagt, es wären 80 Jahre. Zu glauben ist das nicht. 80 Jahre: das ist ein Menschenleben lang. Ein langes Leben lang. Aber mehr auch nicht. Eigentlich gar nicht viel. Eben erst gewesen, kurz vor unserer Geburt. Oder als wir klein waren. Eine kurze Spanne auf dieser Erde ist es her. Da saßen sie in Wannsee zusammen. In dieser idyllischen Ecke der Erde, wo der Traum aus Wasser und Himmel sich mit dem Inselglück verbindet. Es war kein Anfang von etwas. Und schon gar kein Ende. Aber es war, daß wie nichts sonst und wie nie zuvor auf der Erde beschlossen wurde: Wir beenden Leben. Das Leben derer, die weg können. Über die wir nichts mehr wissen wollen. Die nur noch als Gruppe dastehen, als Masse Mensch. Die etwas darstellen, was wir verabscheuen. Was weg muß. Einfach nur weg. — Und das nun wollte man bewerkstelligen. Sofort.  Und die da zusammensaßen an jenem Tag im Januar, hatten nicht nur den Willen, sie hatten auch die Macht. Von Berlin aus ging der Befehl. Nach dem Tag im Januar wurden Leben beendet. Heraus aus den Häusern. Aus den Villen, den Siedlungs- und aus den Mietshäusern. In ganz Deutschland. Ganz Europa! Nordafrika! Heraus! Und weg.  –Drumherum schauten sie zu, nickten, schwiegen oder wandten sich ab. Sie wollten nicht diejenigen sein, die gleich mitgenommen wurden. — Die herausgeholt worden waren, entschwanden den Blicken und kehrten nie mehr zurück. Fast keiner von ihnen nach alledem. Keiner kehrte zurück in den vier Jahren, die folgten. Die man so verachtet hatte, waren nun weg, für immer.

Am 20. Januar begeht man den 80. Jahrestag und sagt, man wäre sehr dagegen. Gegen das Gefühl, daß die wegkönnen, die von damals. Was ist mit denen von heute? Und mit dem Staat, dem winzigen da unten, wo die Überlebenden all dieser speziellen Verfolgungen weltweit sich ihre uralte Heimat wiederaufbauten? Schützen wir diesen Ort? Helfen wir ihm? Stimmen in den internationalen Gremien für ihn? Oder stellen wir uns gut mit denen, die die heute Lebenden dieses Volkes verachten, hassen, immer noch? Und wieder morden wollen?

80 Jahre. Was damals Beweggrund war, ist nicht vorüber. Es ist da, in allen politischen Ecken. In allen Schichten. In Schulen, Gotteshäusern, Medien.

rainStein macht nicht mit. rainStein läßt die zu Wort kommen, die vor 80 Jahren dem millionenfachen Morden entronnen sind und heute noch leben. rainStein setzt der Verachtung und dem Haß Berichte, Erzählungen und Musik entgegen. Wir feiern die, die widerstanden. Wir werben für das Leben. Und für den weltweit einzigen jüdischen Staat.

Rhea Schönborn, 09.11.2021, Wannsee

Am 09.11.2021 fanden wir uns zusammen: in Wannsee. Im Gedenken an die Verfolgung wie im Feiern des 15jährige Bestehens von rainStein. Felix Klein schrieb ein Grußwort. Rhea Schönborn las aus ihrem Bericht, wie sie als kleines Kind in Berlin gerettet wurde. Dr. Andrea Betcke und Dörthe Kähler berichteten, wie Nobelpreisträger Emil Fischer dem aggressiven Antisemitismus im Wissenschaftsbetrieb, in der  Forscherelite seiner Zeit entgegentrat. Hanna Ringena ließ das Drama aus Schuld, Leid und Liebe zwischen Israel und Deutschland im Heute entstehen. Die Klezmerschicksen lasen Briefe aus dem Ghetto, derer, die nicht überlebten und aus den Gedichten anderer, die überlebten, jener, die, in Israel lebend, ihr Leben bis heute verteidigen müssen.

Auch rainStein gedenkt. Heute, der 80 Jahre, die vergangen sind. Ein Menschenleben.