Berlin/Jerusalem. Wir trauern um Haim Schneider.

Haim Schneider

Haim Schneider

Jerusalem. Heute, in den frühen Morgenstunden, verstarb Haim Schneider, Mitglied der mit rainStein eng verbundenen Künstlergruppe LYRIS, nach kurzer Krankheit. Bis zuletzt nahm Haim an den monatlichen LYRIS-Abenden in Jerusalem und mit wachem Sinn am kulturellen Leben seiner Heimatstadt teil.  Noch diese Woche war er bei einer Theateraufführung! Haim Schneider wurde 1921 in Wien geboren und begann dort 1936 nach dem Schulabgang Maschinenbau zu studieren. Der „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich setzte seinen Plänen ein jähes Ende. Haim und sein jüngerer Bruder konnten Wien in letzter Minute verlassen – Haim mit der ‚Jugend-Aliya‘ ins damalige Palästina, sein Bruder mit einem ‚Kindertransport‘ nach England – , die Eltern überlebten die Shoa nicht. Fünf Jahre diente Haim während des Zweiten Weltkrieges in der Britischen Armee,  ab 1945 wohnte er in Jerusalem. Haim schrieb Gedichte, die er auf Deutsch, Hebräisch und Englisch veröffentlichte, die Übersetzungen aus dem Deutschen übernahm er selbst.

Eines seiner Gedichte zitieren wir seit Jahren, immer wieder:

Überschritten

Wir sind die Überschrittenen,
ohne Zeichen am Türpfosten
vom blinden Engel Überschrittenen,
unverdient und Bessren vorgezogen, ausgelesen
zum Überleben.

Wir sind die wahren hohlen Männer,
die Söhne von Vätern und Müttern
die sie auslöschten, wie lästige Kerzen auslöschten,
denen kein eigener Tod gegeben ward,
kein Grab und, Rainer Maria, keine Grabschrift.

Wir sind die Entgleisten, aus eigner Bahn geworfenen,
die nur aus Massenträgheit weiterrutschten.
Die Männer, die in vitro leben,
mit müden, dorrenden Synapsen,
Vergangenheit mit Zukunft nicht verbindend.

Wir sind die lallenden Männer,
nicht mächtig mehr der alten, eignen Sprache
und ohnmächtig bis heute in der neuen,
die wie in Übersetzung leben,
in einer manchmal bessren, meistens schlechtren,

Doch nie authentisch.
Nie in der eignen Haut, die lang schon abgefallen.
Der Schlangen Haut ist stets die ihrige,
wo unsrige nicht sitzt, so wie ein schlecht geschnittner Anzug,
der sich verzieht bei jeglicher Bewegung.

Wer sagt denn „Death shall have no domination“?
Der Würgeengel, den Bauch noch voll von gestern,
plant schon den nächsten, nein, den letzten Akt,
auf breiterer, globaler Bühne. Diesmal wird keiner
überschritten.