Winde über Jerusalem. Rezension

REZENSION

Magali Zibaso: Winde über Jerusalem

Lyrik

ISBN 978-3-940634-15-3

Die in Berlin geborene Autorin hat in Jerusalem eine Neue Heimat gefunden und ihr bereits in ihrem ersten Gedichtband „Augen“ ein lyrisches Denkmal gesetzt. Auch der vorliegende Band ist wieder eine Hommage an ihre Zufluchtstätte, in der sie ihre Ruhe gefunden hat. Sie liebt nicht nur diese einmalige, von der Geschichte geprägte Stadt, sondern auch die Menschen, die hier leben, nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Immer aber noch klingt eine tiefe Trauer aus den Versen, die Gegenwart hat die Vergangenheit noch nicht ganz überwunden, Auschwitz kann niemals vergessen werden.

Nachtzug durch Europa

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Züge rattern durch die Nacht
jeder Zug fährt durch Auschwitz
lädt ausgemergelte Gestalten auf
sie fahren
durch eine Ewigkeit
unsichtbar unter Reisenden
die jene Züge und Gestalten
aus ihrem Bewußtsein drängen.

Aber Zibaso schreibt auch andere Gedichte, Liebesgedichte, die behutsam und sanft zwei Menschen verbinden, doch dann wieder trennen und in Schmerz zurücklassen.

Liebende
aus dem Paradies vertrieben
auf einen Stern
der an der Verzweiflung
seidenem Faden hängt,
wandern sie jenseits von Dunkel und Hell
in kristallener Kälte
fern der Zeit;
und kehren zurück in sich selbst
denn Zuflucht
ist zeitlos
in ihnen allein

Mit jedem Vers lernt der Leser Jerusalem näher kennen, nicht nur seine Mauern und Menschen, auch die Tiere die dort leben und denen die Autorin besonders verbunden ist.

Und da blitzt auch manchmal ein Funke Humor auf:

Auf dem Rasen
kleine und weiß
verbellt eine Hündin
den Mond – der
silbern und gleichgültig
auf seiner Bahn dahinzieht
und rührend erzählt die Autorin weiter:
Hoch über dem Rasen
erwacht ein Vogel
in seinem Nest
und beginnt
sein Morgenlied
warme Sonnenstrahlen
streicheln
die erschöpft schlafende
Hündin

Die Winde, die in dem vierteiligen Gedicht über Jerusalem wehen, sind rau und zornig; schieben schwarze Wolken vor sich her und erinnern noch einmal an die düstere Geschichte. “Haß und Lüge/Folter und Mord/nehmen den Platz/der Märchenerzähler ein“—-

Aber dann keimt doch Hoffnung auf: „Da schweigt der Wind/ruht im Laub. /Leicht beben die Wipfel/ ein Hauch.“ Diese Hoffnung kehrt auch in einem anderen Gedicht wieder, das mit den Worten schließt: “Es könnte Friede sein“

Magali Zibaso stößt mit ihren Gedichten oft in literarisches Neuland vor, mutig und formmäßig gerne experimentierend erreicht sie damit einen dichten Gesamteindruck. Das hohe Niveau ihrer Sprache, die angesprochenen Themen rechtfertigen ihren Ruf, eine der angesehensten Schriftstellerinnen von Israel zu sein.

Christine Michelfeit

Innsbruck, Österreich