Rostige Zeiten. Vorwort

VORWORT

Manfred Winkler
Yvonne Livays Gedichte sind ihrem Wesen nach lyrisch, beschreibend, gedankenreich. Sie lebt und erlebt sehr intensiv ihre Umgebung, das Meiste wird zum dichterischen Bild. Das Bild ist der erste Anstoss, doch tangiert dieses Bild gleich ins Nachdenklich-Verinnerlichte. Die Umgebung lebt, wird impressionistisch und malerisch erlebt, den Problemen ihres Denkens und Fühlens angepasst – Erde, Himmel, Gestirne, Bäume, Berge, Wälder u.s.w. Weniger der Mensch mit seinen existentiellen Problemen, dabei ist er immer anwesend als Denkender, Fühlender und Betrachtender, weniger als Handelnder im Kampf mit der menschlichen Umgebung. Alles ist verinnerlicht, höchst musikalisch, die meisten Gedichte wachsen aus dem Rhythmus der Sprache, die die Dichterin auf besondere Weise beherrscht mit vielen Neubildungen und Bindungen, die eigenartig sind – konzentriert, oft gebrochen im Wort oder geprägt in Wortverbindungen besonderer, nicht selten surrealistischer Prägung. Die Dichterin ist bemüht, sich ans Wesentliche zu halten und nur zu sagen, was dichterisch dem Klang angepasst notwendig ist.
Die Zeit ist der Augenblick im Rahmen der Ewigkeit und der Übergang von einem zum anderen, bleibt aber im Kontakt, geht nicht in die Breite, alles ist kurz konzentriert, oft überraschend im Kontrast, schwieriger für den einfachen Leser, aber nicht für den erfahrenen. Wenn auch nicht ganz verstanden überträgt sich das stark Erlebte der Dichterin auf den Leser in den Tiefschichten seines Innern.
Der Band ist auf fünf Zyklen aufgebaut, die dem Leser schon manches verraten: 1. Mond und Steine, 2. Schichten in Gelb, 3. Mond über Soho, 4. Berliner Reigen, 5. Wintermeere. Schon diese Thematik in unserer Zeit lässt aufhorchen, und trotzdem ist es ein verinnerlichtes Buch unserer Zeit.
Die Mehrzahl der Gedichte sind wie erwähnt der Landschaft entnommen. Himmel und Erde treffen sich in einem lyrisch-gedanklich-musikalischen Gewebe und beherrschen das Gebiet, geben ihm inneres und äusseres Leben. Es ist eine bestimmte Natur, die in diesen kurzen Strophen von ein bis zwei, seltener drei Worten bestehen. Kein Gedicht ist länger als eine Seite. Allerdings gibt es thematische Verbindungen und Fortsetzungen zwischen den Gedichten, ich würde sogar, und besonders, auf eine zyklische Gemeinsamkeit und Atmosphäre der Gedichte hinweisen. Die Gedichte haben in dieser Beziehung eine stark geprägte Charakteristik, die jedem Übersetzer Schwierigkeiten bereiten würde.
Wenn sich auch wie oben erwähnt Schwierigkeiten des Verständnisses stellen, tangiert die Dichterin sehr selten, wenn überhaupt, ins Abstrakte. Sie ist immer bemüht, dem Leser das verständlich zu machen, was sie fühlt oder denkt, oder es ihm anderseits schwer und interessant zu machen mit sprachlich syntaktischen Wendungen oder Zusammensetzungen von Wörtern, die ungewöhnliche Formationen bilden. Ich glaube, man müsste diesem Band besondere Aufmerksamkeit in dieser Hinsicht widmen.
Und nun eine Reihe von Beispielen:
1) Am Ufer / ertrinken Fussspuren / schwerbreittief 2) Morschholz / Matschwald / felsighart gefroren 3) Worte / traumverschlüsselt eng 4) Du irrst / noch / blütendunkel 5) Blauklar / wächst der Pfad / im Mondhof / bis / zum Tagschatten 6) Sandlicht / in den Wunden / in / Schmerzgrenztiefen 7) Wolken umschichten / verdichten / Stunden zu Quadern 8) Schatten / ziehen Striche / in den Innenhof / gelbschalig / müde / mittagsschmal / verstummen Blätter / netzgefangen 9) erdig / schwer der Spinnwinkel 10) hohle / Fenstergitter / im Sand / kaltlichtrund.
Mit Absicht habe ich diese besonderen Hinwendungen massiv zitiert.
Man wird unschwer gleich daraufkommen, dass die Dichterin auch Musikerin und Malerin ist. Eines geht ins andere über. Vieles ist verschlüsselt, was auf die Tiefschichten des guten Lesers besonders wirkt. Diese Neubildungen und Bereicherungen ermöglichen auch die Erweiterungen des Satzgebildes auf eine konzentrierte Weise (“schwarz / keilen sich / Worte in Lieder / Sandlicht / in den Wunden / in Schmerzgrenztiefen”). Ich könnte viele Beispiele dieser Art bringen, doch muss ich mich leider beschränken.
Das jüdische Schicksal findet im Zyklus “Berliner Reigen” seinen Niederschlag, mit Nachdruck natürlich auf den Holocaust. Die Autorin wurde in den Kriegsjahren in der Schweiz geboren und ist mit ihrem Mann, der Israeli ist, und den Kindern in den siebziger Jahren nach Israel ausgewandert. Die Familie des Vaters war vor dem Holocaust aus Polen in die Schweiz eingewandert, die Mutter war die einzige Überlebende einer grossen Familie, die vernichtet wurde.
In diesem Zyklus wird Berlin allgemein dichterisch – atmosphärisch begriffen und wiedergegeben. Es ist auch eine Gegenüberstellung von heutigem und gewesenem Berlin. Die jüdische Thematik bezieht sich natürlich hauptsächlich auf den Holocaust. Im Gedicht “Wannsee” möchte ich besonders die Strophe “In Millionentiefe / schweigt / sich alles / aus / ich halte mir die / Ohren / zu…” betonen. Wir stossen auf das Nachkriegsberlin mit dem Ost – West – Problem, und wieder die Folgen des Holocaust …”Asche – Synagoge Oranienburger Strasse” und dann das Gedicht “Gestern – Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee”. Am Ende des Zyklus betont die Dichterin das Persönliche im Gedicht “Wer weiss”…. Du fliegst mir / kastanienbraun davon / harrst unter Brückenbögen / Unser Treffen ist vorbei / im Herbst der Gefühle / im / Blühen der Kastanien.”
Und damit möchte ich auch meine Besprechung abschliessen mit dem unzulänglichen Gefühl, dass ich mehr übergangen als angegeben habe.