Autoren: Ursula Krieger, Dörthe Kähler

Seiten: 113 (A4)
zahlreiche Fotos
Erscheinungsjahr: 2005

Lebensspuren Biographie

Über Professor Carl von Eicken 1873-1960 (Charité) und seine Familie erzählt hier seine jüngste Tochter Ursula.

Stichworte: Biographie/Nicht mehr lieferbar

Auszug: Lebensspuren

Die NS-Zeit wurde bei uns zuhause nicht besonders thematisiert, jedenfalls bekam ich das nicht mit. Am 20. Juli 1944 befand ich mich gerade bei guten Freunden, die aber, was mich damals gar nicht interessierte, Hitleranhänger waren. Das war, glaube ich, bei uns zuhause auch nicht so eindeutig. Die Familie meines Vaters war nicht so klar in diesen Dingen. Mein Vater hat Hitler operiert! Und er war anfangs tatsächlich von der Persönlichkeit des ‚Führers’ sehr beeindruckt – das muß ich sagen. Er hatte natürlich nur die Schokoladenseite kennengelernt. Er war auch – es wird zwar heute immer behauptet, das sei kein Argument – aber er war nicht informiert. Man war damals überhaupt nicht so informiert, wie heute. Es gab den ‚Völkischen Beobachter‘ als Zeitung und die ‚Deutsche Allgemeine Zeitung‘. Die wurde bei uns gelesen. Die war Vorgängerin der heutigen FAZ. Man hatte kein Radio. Nur so einen kleinen Volksempfänger, den hörte man aber nicht. Fernsehen gab es nicht. Die Kreise, die in alles eingeweiht und eingespannt waren, waren natürlich besser informiert. Leute wie Bonhoeffer haben aber nicht so viel darüber geredet. Ich weiß wirklich nicht, wie weit mein Vater da informiert war. Er war an sich ein völlig unpolitischer Mensch. Der überall half. Der kein Antinazi, aber auch überhaupt kein Nazi war, einer, der bei allen Menschen vor allem das Gute sah. Und so waren wir auch erzogen.

Zur Hitler-Operation kam es so: Mein Vater war DER Hals-Nasen-Ohren-Spezialist in Deutschland. Und Hitler schrie immer derart bei seinen öffentlichen Reden, daß ihm allmählich die Stimme versagte. So wurde eben der Professor von Eicken geholt. Das heißt, zunächst wurde Hitlers Adjutant zum Professor geschickt, der sollte diesen Professor testen. Dem Adjutanten nahm mein Vater die Mandeln heraus, etwas ganz Belangloses, aber nachdem das Patientenurteil feststand, wurde mein Vater zum Führer bestellt. Hitler war damals überzeugt, Krebs zu haben. Mein Vater stellte fest, daß es sich lediglich um ein ‚Sängerknötchen‘ handelte, um einen Stimmbandpolypen, wie ihn viele Sänger, die ihre Stimme überbeansprucht haben, bekommen. Es war also etwas, das ganz leicht zu entfernen war, ohne große Operation, eine ganz gängige Geschichte. Doch das glaubte Hitler nicht. Er wiederholte gegenüber meinem Vater: „Sie können mir ruhig die Wahrheit sagen! Ich muß es wissen! Ich muß meine Geschäfte ordnen!“ usw. Mein Vater darauf: „Von Krebs kann überhaupt keine Rede sein. Das ist ein kleiner Eingriff!“

Der Eingriff wurde in der Reichskanzlei vorgenommen. Man holte meinen Vater ab und brachte ihn zu dieser Operation, aber natürlich nahm Vater Schwester Maria mit, die als Assistentin bei ambulanten Operationen ganz geeicht war. Da Hitler sonst keinerlei Medikamente nahm und sich auch merkwürdig ernährte, erhielt er nur eine leichte Betäubungsspritze. Dann wurde der Eingriff gemacht. Alles verlief völlig harmlos und ging ganz ohne Komplikationen. Mein Vater sagte: „Er wird jetzt ein Weile schlafen. Wenn er aufwacht, rufen Sie mich an.“ Und er ging. Aber es erfolgte kein Anruf! Der ‚Führer’ schlief immer noch, und schlief. Die Betäubung hatte Hitlers Leibarzt, Dr. Morell, gegeben und nun hatte man wirklich Sorge. Weil man dachte – hat er den jetzt umgebracht? Hat er eine falsche Injektion gegeben? Oder will man ihm, meinem Vater, eins auswischen? Das war eine scheußliche Zeit. Hitler hat mehr als vierundzwanzig Stunden geschlafen! Weil er so etwas überhaupt nicht gewöhnt war; er hat mit rosigen Bäckchen dagelegen und einfach seinen Rausch ausgeschlafen. Das kann man sich kaum vorstellen. Die Erleichterung, als Hitler aufwachte, war dann natürlich groß! Das war 1935.

Wenig später, als wir in Tabbarz in den Ferien waren, kam eines Tages vor diese Pension, in der wir wohnten, ein großer Mercedes vorgefahren, so ein Riesending, aus dem Uniformierte ausstiegen – die kamen mit einem in Silber gerahmten Hitlerbild, mitsamt seiner persönlichen Krakelunterschrift, und einem Scheck von 50.000 Mark. Diese Dankesgeste konnte mein Vater nicht ablehnen, aber er sagte sofort, er mache daraus eine Stiftung für besonders gute Arbeiten von jungen Leuten auf dem Gebiet der HNO-Heilkunde. Diese Stiftung hat er tatsächlich eingerichtet, und sie bestand bis vor kurzem auch noch. Jedes Jahr wurde einmal die beste Arbeit ausgelobt und der Verfasser erhielt ein Preisgeld.

Mein Vater war anfangs wirklich fasziniert von Hitler! Hitler hatte ja offenbar eine ganz besondere Persönlichkeit. Ziemlich viele Menschen haben darauf stark reagiert.

Noch einmal wurde mein Vater zu Hitler geholt, 1944, nach dem Attentat, weil Hitler da einen sogenannten ‚Knallschaden’ hatte – man flog meinen Vater zu Hitler in die Wolfsschanze nach Ostpreußen, an den Ort des Attentats. Aber er stellte auch in diesem Fall weiter gar nichts fest. Das war das letztemal, daß mein Vater und Hitler sich sahen. Mein Vater erzählte nach diesem Besuch, Hitler sei ein völliges Wrack gewesen, zitternd und zusammengeklappt. Da sah man das Ende des Dritten Reiches schon. Da war das kein großes Mitleid mehr, das mein Vater mit Hitler hatte. Inzwischen hatte ja auch mein Vater verstanden, was alles passiert war.
Nach dem Krieg war mein Vater weiterhin in der Charité tätig. Die Charité lag im Osten, im östlichen Sektor von Berlin. Die Stadt war durch die Sektorengrenze noch nicht völlig geteilt, aber dort war der Bereich der Russen. Da kamen bald russische Geheimdienstler zu meinem Vater und befragten ihn und wollten wissen, warum er Hitler denn nicht die Kehle durchgeschnitten hätte, damals bei der OP. Und da sagte Vater: „Ich bin Arzt! Ich bin als Arzt zu einem Kranken gerufen worden. Das kann ich nicht – einen Patienten töten.“ Natürlich kann man diese Haltung vielleicht mit Haltungen von Leuten wie Stauffenberg vergleichen, die sich gegen Hitler stellten und die das bewußt in Kauf genommen haben, ihr Leben, ihre Familie, einfach alles aufs Spiel zu setzen, um Schlimmeres für Deutschland zu verhüten. Aber so hat mein Vater das nicht gesehen. Er wurde als die Kapazität, die er war, gerufen – und half eben. Außerdem: Zumindest die ersten Begegnungen fanden ja bereits 1935 statt, als noch nicht alles absehbar war. Auch spätere Widerständler waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht unbedingt soweit, daß sie ihren folgenreichen Entschluß gefaßt hatten.
Mein Vater war aber auf seine Art ganz klar und entschieden: In der U-Bahn stand er für alte Damen mit gelbem Stern immer auf. Immer! Weil er sich dabei gar nichts dachte. Er hat es selbstverständlich getan.

Autoren: Ursula Krieger, Dörthe Kähler

Seiten: 113 (A4)
zahlreiche Fotos
Erscheinungsjahr: 2005