Frei- in zwei Diktaturen. Rezension

Erschienen in „Die Kirche„, Zeitung der Kirche von Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, im Februar 2008:

Freiwillig in den Osten

Ingeburg Kähler, lange Jahre Pfarrfrau in Brandenburg, berichtet über ihr Leben in zwei Diktaturen

Rezension: Verena von Hammerstein

Über zwei Jahre lang wird die krebskranke Ingeburg Kähler von ihrer Tochter Dörthe interviewt – bis zu ihrem Tod. Ingeburg Kähler erzählt, wie sie die beiden Diktaturen erlebt hat. Ihre Erinnerungen hat Tochter Dörthe Kähler in einem lebendigen Bericht notiert.
Aufgeschrieben wurde die Geschichte eine jungen Frau, die – kaum zurück von einem Studienjahr in den USA – ihren Freund, einen Vikar, heiratet. Mit ihm zieht sie in die „russische Zone“. In einem Dorfpfarramt beginnt ihre „gemeinsame Arbeit als gemeinsame Zukunft“. Auch andere sind wie sie freiwillig vom Westen in den Osten gegangen – zum Teil gegen den heftigen Widerstand ihrer Familien.
Zum 4. Advent 1950 rücken die beiden an – zu Fuß und mit Rucksack in Hohenferchesar in der Nähe von Pritzerbe. Sie finden das Pfarrhaus im Dunkeln vor, zwei leere eiskalte Zimmer. Kein Mensch erwartet sie darin, kein Holz, kein Ofen und Herd, kein Bett und kein Stuhl. Wie aus diesem Anfang eine blühende Gemeindearbeit entstand, beschreibt Dörthe Kähler. Im Frühling bringt der Garten herrliches Gemüse hervor. Der nahe See, die Nachtigallen weiten das Herz – die Begeisterung der Erzählerin ist zu spüren.
Es sind aber auch die Jahre der Verfolgung: Bauernsind enteignet worden, ein Nachbar wird sieben Jahre eingesperrt für ein unvorsichtiges Wort in der Kneipe. Die Dorffrauen kommen ins Pfarrhaus, wollen einen Mütterkreis und noch einen – und einen für die Alten. Jeder lernt Verantwortung zu übernehmen, Gaben werden entdeckt. Auch Jahrzehnte nach dem Weggang des Pfarrers führen die Dorfbewohner die Arbeit allein weiter.
Wir lesen von Hausgeburten, nicht enden wollenden Kinderkrankheiten. Ingeburg Kähler wird von einer Gelbsucht heimgesucht, die ihr – schlecht auskuriert – das ganze Leben zu schaffen machen wird. Aber ihre vier Kinder genießen die Freiheiten des Landlebens. Ein anderes Leben fängt an, als die Kinder in der nächsten Pfarrgemeinde in Lindow in die Schule kommen. Der Druck der DDR-Behörde setzt ein, denn sie sollen in die Pioniere eintreten.

Ingeburg Kählers Elternhaus war strikt gegen die Nazis gewesen. Die Schilderung ihrer Kindheit, des elterlichen und großelterlichen Milieus nimmt die Hälfte des Buches ein. Der Vater brach seine Karriere ab, um nicht in die NSDAP zu müssen. Ingeburg Kähler wusste, wie es sich anfühlt, als einzige nicht mitmachen zu dürfen und sie mutete dies in der DDR auch ihren Kindern zu. Im Alter überlegte sie, ob ihre Kinder wohl mehr gelitten haben, als sie ahnte. Doch alle vier Kinder haben Theologie studiert. Nach dem Umzug in die dritte Gemeinde, Teltow, stößt der Pfarrgarten an die Grenze zu West-Berlin. Deren Schrecken erleben sie nun hautnah: Betontürme, Hundegebell, Schüsse. Es gibt Schikanen um Besuchsreisen zu westlichen Verwandten. Ingeburg Kähler tritt in Sitzstreik – und wird von der Polizei zum Stasiverhör getragen.

Arbeit ist für Ingeburg Kähler das beste Mittel gegen Depression. Ständig neue Aufgaben werden dem Pfarrehepaar vor die Füße gelegt. Immer mehr Menschen treffen sich regelmäßig in ihrem Haus und suchen gemeinsam Orientie- rung und Hilfe: Alte, Ehepaare, Behinderte und ihre Familien.
Wo der Westen verschlossen ist, öffnen sich östliche Länder: Polen zu ökumenischen Kontakten, die Tschechei mit Besuchen bei jüdischen KZ-Überlebenden, Ungarn und sogar die UdSSR per Trabi mit einem katholischen Kollegen.
Das Buch rekapituliert das Wunder der Wende. Im Alter zieht das Ehepaar Kähler nach Berlin-Zehlendorf – auf die andere Seite der früheren Grenze. Die beiden engagie- ren sich im Raum der
Stille am Brandenburger Tor. Dort begegnen sie Besuchern aus aller Welt. Es ist ein Leben in Freiheit – jenseits der zwei Diktaturen.