Augen. Rezension Dr. hc. Hans Bergel

Dr. h.c. Hans Bergel schrieb in „Spiegelungen“, der Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas Heft 3 (57) Jahrgang 2008 München, Seite 296/297:

Die 1939 in Berlin geborene Magali Zibaso gehört dem Jerusalemer „Lyris“-Kreis an, der seit 1987 deutsch schreibende jüdische Autoren vereinigt. (Siehe dazu: Hans Bergel: „Von den Schultern der Karpaten…“ Deutschschreibende jüdische Autoren aus Südosteuropa in Israel. Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Heft 4/2000, S. 315ff.) Die Berliner Deutsche trat aus Schmerz, Zorn und Scham über die NS-Verbrechen früh zum Judentum über und ließ sich in Jerusalem nieder. Die Intensität dieses Schrittes bestimmt bis heute weitgehende Teile der Lyrik der promovierten Musikwissenschaftlerin und verleiht ihnen sogar eine Note besonderer Nachdrücklichkeit.

Der vorliegende Band enthält 104 ausnahmslos in freien Rhythmen verfasste Gedichte, zu denen der aus der Bukowina stammende hebräisch-deutsche Dichter und Übersetzer Manfred Winkler (*1922) ein kenntnisreiches Vorwort schrieb. Darin weist er vor allem auf die traumatisch „andauernde Aktualität der Shoa“ in Magali Zibasos Lyrik hin und zitiert dazu aus dem Gedicht Besuch in Yad Vashem die Zeilen: „Einen Gnadenmoment/ waren alle/ dort …/ Einen packt derWahnsinn/ Schüler kichern/ verlegen…/ Fremde wissen nicht recht:/ Itwas a great show …/ Dann drängen sich alle/ wieder in der Cafeteria.“ (S.44) Kraft und Präzision dieser Formulierungen kehren wieder,
sooft „der Wahnsinn“ als Gegenstand in Zibasos Gedichten aufscheint.

Generell zeichnen sich die Gedichte formaldurch die starke Bindung an die sinnliche Wahrnehmbarkeit der Dinge und einen ebenso deutlich spürbaren Willen zur Sprach- und Ausdrucksdisziplin aus. Für das eine bezeichnend sind Passagen wie „Aud den Dächern/ Jerusalems/ greift / der Löwenzahn/ gelb / nach dem Himmel“ (S.17), oder: „In dieser Oase/ duften die Rosen noch/ und du träumst von/ einem blauen Vogel“. (S.90) Für das andere stehen Zeilen von einer Genauigkeit der Bilderfassung wie die folgenden: „Wo eben noch Gazellen standen,/ tritt Venus / ihre Gratwanderung an“ (S. 90), oder: „Müde hängt der Sommer in den Bäumen/ der Abschied fällt ihm schwer“. (S.88) Winkler macht auf die beiden Ausgangselemente der Zibaso-Gedichte überzeugend aufmerksam, ihre Klarheit sichert ihnen gleichermaßen Fasslichkeitund Eindringlichkeit.

Mit dem Rüstzeug solcher Gestaltungskunst geht Magali Zibaso an alle ihre Themen heran, die sich freilich fast alle durchschattet von einem Hauch elegischen Weltbewusstseins darbieten, was auch ihre individuelle Unverkennbarkeit ausmacht: „Bruder erhob sich/ gegen Bruder / bis der letzte Mensch /an unendlicher Leere/ zugrunde ging“ (S.81), und: „Perlenschnüre wollt ich ziehn/ doch Kiesel/ rollten/ in meinen Fingern“ (S.60) seien stellvertretend für den nicht selten ins Resignative hineinschwingenden spezifischen Klang der Gedichte dieser Frau zitiert. Er macht aber auch jene existentialistische Tapferkeit den Fragen, Bedrängungen und Visionen der inneren und äußeren Welt gegenüber hörbar, die Albert Camus im Bild vom niemals aufgebenden Sisyphos beschwor. Die Augen-Gedichte werden auf diese Weise jenseits artistischer Verspieltheit zum Ausdruck einer moralischen Unumdeutbarkeit der Lebenseinstellung,
von der die ganze lyrische Aussage bestimmt ist.

Dr. h.c. Hans Bergel ist Mitherausgeber der am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas der
Ludwig-Maximilians-Universität München erscheinenden Schriftenreihe.